Lyrik-Fenster
Die Idee
Als ich 2003 damals noch das Antiquariat Athena in der Wendenstraße 39-40 in Braunschweig eröffnete, hatte ich eine riesengroße Schaufensterfläche zur Verfügung, die ich für das Antiquariat nicht nutzen wollte, weil Bücher lichtempfindlich sind und ich auch keine geregelten Öffnungszeiten habe, da ich ja ein reines Internet-Antiquariat betreibe.
Lieber wollte ich eine neuen Weg ausprobieren, Interesse für Lyrik zu wecken. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen sollen Gedichte aus allen Zeiten und Kulturen "angeschlagen", d. h. schlicht auf einer Staffelei ausgehängt werden. Wichtig war ist es mir auch, die zum Text gehörigen Buchangaben anzugeben, damit bei Gefallen das Gedicht auch gekauft werden kann.
Es folgen:
Einige Beispiele der ausgehängten Gedichte
Die Antike an den nordischen Wandrer
Ueber Ströme hast du gesetzt/
und Meere durchschwommen,
Ueber der Alpen Gebirg trug/
dich der schwindlichte Steg,
Mich in der Nähe zu schau'n/
und meine Schöne zu preisen,
Die der begeisterte Ruf/
rühmt durch die stauende Welt,
Und nun stehst du vor mir,/
du darfst mich heil'ge berühren,
Aber bist du mir jetzt/
näher und bin ich es Dir?
Friedrich Schiller. Gedichte. Reclam 1999.
Venedig
An der Bücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
Goldener Tropfen qoll's
Über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
Trunken schwamm's in die Dämmerung hinaus...
Meine Sele, ein Saitenspiel,
Sang sich, unsichtbar berührt,
Heimlich ein Gondellied dazu,
Zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte jemand zu? ...
Friedrich Nietzsche. aus: Das große deutsche Gedichtbuch. von 1500 bis zur Gegenwart. hrsg. von Karl Otto Conrady. Artemis & Winkler. München. 1995. 4. Auflage 979S.
Die Weihe der Nacht
Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.
Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf ins Weite strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußten Glück.
Und von allen Sternen nieder
strömt ein wunderbarer Segen,
daß die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und die Fäden, die zerrissen,
knüpft er alle wieder an.
Friedrich Hebbel. Westermanns Weihnachtsbuch. Georg Westermann, Braunschweig 1949 308S.
Der junge Sklave
Aufwärts reckt sich
Zu Boden gezogen
Wie Seidenfäden mit
Leinenstrukturen
Das Leid in sich verschlossen
Kraftvoll entschlossen
Schicksal umwindet dich ganz
Kraftvolle Jugend nur
Streckt sich entgegen.
Syelle Dammann
Das Rosenband
Im Frühlingsschatten fand ich sie,
da band ich sie mit Rosenbändern:
Sie fühlt' es nicht und schlummerte.
Ich sah sie an; mein Leben hing
mit diesem Blick an ihrem Leben:
Ich fühlt' es wohl und wußt es nicht.
Doch lispelt ich ihr sprachlos zu
und rauschte mit den Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer auf.
Sie sah mich an. Ihr Leben hing
mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns war's Elysium.
Klopstock. Eine Auswahl aius Werken, Briefen und Berichten. Verlag der Nation.1. Aulage. 1956. 631S.
Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein -
das Geräusch des Wassers.
Basho. Haiku. Japanische Gedichte. Deutscher Taschenbuch Verlag. 8. Auflage.2002.162S.
Die Stunde lieb ich, wenn das Licht verglühte,
Der Himmel weiß wird wie Holunderblüte
Und das Geschiedne wieder Frieden schließt,
Als habe Kampf und Zwietracht keinen Sinn.
Am braunen Hang die Dörfer nun verschwimmen,
Erloschen sind des Tages grelle Stimmen,
Und das Gebirge wird ein Meer und fließt
In dunklen Wogen still gewaltig hin.
Ricarda Huch. Herbstfeuer. Insel. 75S.
Liebeslied
Pfirsichrote Wangen
Seh ich in den Spiegel,
Dein gedenkend.
Himmelblaues Lachen
Das Leben aufsaugend,
So seh ich dich.
Artischockenherz verbirg
Die Quelle deines Lachens,
Meines Kummers.
Die Rose
Wo ist unsre Rose,
Meine Freunde?
Verwelkt istdie Rose,
Des Morgenrots KInd.
Sag nicht:
So welkt die Jugend!
Sag nicht:
So geht's mit der Freude am Leben!
Sage zur Blüte:
Leb wohl, es tut mir leid!
Und verweise uns
Auf die Lilie.
Alexander Puschkin. Gedichte. Reclam. Stuttgart. 2002. 159S. russisch/ deutsch.
Wie ein See aus Gras
Schwimmt mein Herz im Winde.
Und Wolken brechen auf
Denke ich an dich.
Wie fliegt der Zorn in alle Winde
Wenn Gemeinheit uns umflicht.
Blühe, Rose des Vergessens,
Und erinnere dich nicht.
Freiheit siege und erklimme dich.
Der Antritt des neuen Jahrhundert
An***
Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,
Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öffnet sich mit Mord.
Und das Band der Länder ist gehoben,
Und die alten Formen stürzen ein;
Nicht das Weltenmeer hemmt des Krieges Toben,
Nicht der Nilgott und der Rhein.
Zwo gewalt'ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz,
Aller Länder Freiheit zu verschlingen
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.
Gold muß ihnen jede Landschaft wägen,
Und wie Brennus in der rohen Zeit
Legt der Franke seinen ehrnen Degen
In der Waage der Gerechtigkeit
Seine Handelsflotten streckt der Britte
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen wie sein eignes Haus.
Zu des Südpols nie erblickten Sternen
Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf,
Alle Inseln spürt er, alle fernen
Küsten - nur das Paradies nicht auf.
Ach umsonst auf allen Länderarten
Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.
Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken,
Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum,
Doch auf ihrem unermeßnen Rücken
Ist für zehen Glückliche nicht Raum.
In des Herzen heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang,
Freiheit ist nur im Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.
Friedrich Schiller. Gedichte. Reclam. Stuttgart. 1999.
Bürger der Welt
Wer bist du?
Ich suche dich auf der Erde
Aber vielleicht
Gibt's dich nur im Himmel.
Bürger der Welt
welche Farbe hast du?
Oder stehst du über dem,
Was Farbe ausmacht?
Ich glaube, du trägst
Das Erbe von jedem ein bisschen.
Wie der Urknall mischst du
Aus dem für sich getrennten Urbrei
Den Ursprung der Menschlichkeit.
Die Menschheit entsteht.
Und staunend steht der Affe davor.
Sonett
Mit deinen Augen seh ich süßes Licht,
das ich mit meinen blinden nicht mehr schaue,
und, das ich, lahm, zu tragen mich getraue,
mit deinen Füßen trag ich dies Gewicht.
Dem Federlosen gibt dein Flügel halt,
dein Geist weiß mich zum Himmel zu entfachen,
du hast die Macht, mich rot und weiß zu machen,
im Froste heiß und in der Sonne kalt.
In deinem Willen ist mein Wille drin,
mein Denken wird in deiner Brust bereitet,
in meine Worte weht dein Atem ein.
Es erscheint, daß ich dem Monde ähnlich bin,
den unser Auge oben nur begleitet,
soweit die Sonne ihn versieht mit Schein.
Michelangelo Buonarroti. 42 Sonette. Insel. 2002. 125S. 8 Zeichnungen. übersetzt von Rainer Maria Rilke. italienisch/ deutsch.